Ich brauchte Tapetenwechsel
Es lief einfach nichts mehr. Die Schule war mir ein Gräuel, die Fächer interessierten mich nicht, die Lehrer waren blöd, ich hatte Nullbock.
Glücklicherweise war Tapetenwechsel angesagt. Mit meinen Eltern hatte ich vereinbart die 11. Klasse in England zu absolvieren. Dort war auf einmal alles ganz anders. Die Lehrer kümmerten sich um mich, das Internat war gemütlich, die Freunde interessant. Kein Wunder, dass ich mich entschied dort auch gleich das Abi zu machen. Es war das internationale Bakkalaureat und das wird als Abitur anerkannt.
Als ich wieder nach Deutschland kam, habe ich mich um verschiedene Berufsausbildungen beworben und wurde zu meiner großen Überraschung überallhin eingeladen. Das war ein neues Gefühl, aber was ich wirklich machen wollte, war mir nicht klar.
Da gab es an der TU Berlin Informationstage und dort schlenderte ich durch. Am Stand der Brandenburgischen Technischen Universität sprach ich mit den Leuten von der TU Cottbus. Die boten ein Schnupperstudium an, d.h. man konnte drei Tage kostenlos im Studentenheim wohnen, sich Vorlesungen anhören und mit den Professoren und Studenten sprechen. Ein Rahmenprogramm gab es natürlich auch. Man hat sich also sehr um uns gekümmert. Das fand ich gut. Die Uni war übersichtlich, die Vorlesungen nicht überfüllt, die Gebäude neu. Ich schrieb mich gleich dort für das Architekturstudium ein. Jetzt bin ich im 3. Semester und bereue es nicht. Die Bibliotheken sind fast immer geöffnet, ich habe zwei Schreibtische für meine Arbeiten. Neben den Grundlagenfächern machen wir nicht nur Entwürfe sonder auch Modellbau. Das Verhältnis zu den Professoren und anderen Mitarbeitern ist gut. Man achtet sehr darauf, dass wir ins Ausland gehen, und bietet eine Unzahl von Möglichkeiten an.
Gerade bin ich in Wien, um in einem Architekturbüro mein halbjähriges Praktikum zu machen. Darum bewirbt sich auch mein Freund. Er ist im 6. Semester und hat viel bessere Aussichten genommen zu werden, aber ich habe einige Modelle mitgebraucht und rechne mir auch gute Chancen aus. Sollten sie mich nicht nehmen, dann habe ich wenigstens Wien gesehen, das ist für eine angehende Architektin immer interessant.
Heute bin ich 22 Jahre und die Probleme, die ich vor sechs Jahren in der Schule hatte, sind lang vergessen. Damals hatte ich Nullbock, heute könnte ich Tag und Nacht arbeiten - nun ja, manchmal ;-)))
Eure Rike
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