|
|
|
 |
 |
 |
 |
KÜNSTLERINNEN ENTDECKEN SICH SELBST |
 |
|
|
Denise und Ladina sind Künstlerinnen mit hohem moralischen und esoterischen Anspruch.
Beide entschlossen sich deshalb, nach der Polstererlehre den kommerziellen Stress hinter sich zu lassen und in der Fremde ein kleines Künstler-Atelier aufzumachen. Schöne Designs für Lampen und Spiegel brachten Erfolge auf dem Wochenmarkt. Allerdings blieben die erhofften Aufträge von anspruchvollen Kunden aus. Das war nicht weiter wichtig. Das Leben war wunderbar, man war kreativ, hatte keinen Chef und konnte mit wenig Geld leben.
Dann wurde Denise krank, konnte nicht mehr voll arbeiten und einige Kunden waren im Zahlungsverzug. Anfangs steckten sie das noch locker weg, aber nach vier Jahren war irgendwie die Luft raus. Sie fühlte sich ausgebrannt, wollten Abstand gewinnen. Also zogen sie wieder zu Hause ein und jobbten für eine Vermittlungsagentur auf Messen.
"Dann kam der Kracher," sagte Denise und ihre Augen nahmen einen erschrockenen Ausdruck an, "ein Kaffee-Hersteller suchte Damen für Werbung und Verkauf in Kaufhäusern." Als sich Denise und Ladina vorstellten, sah der Chef sofort, dass diese beiden scheuen Künstlerinnen nicht so einfach an völlig fremde Menschen etwas verkaufen können. Aber er hatte seine Erfahrungen und ließ sie erst einmal nur Geschenke verteilen. "Nicht einmal das klappte," erinnerte sich Denise. "Die Leute liefen einfach vorbei, obwohl ich ihnen doch nur was schenken wollte." Das konnte sie auch monatelang danach noch nicht verstehen. "Manche schnauzten mich sogar an und schoben mich weg. Ich war den Tränen nahe."
Ladina hatte die Geschichte schon mehrfach gehört, amüsierte sich aber immer noch köstlich über die ausdrucksstarke Beschreibung von Denise. Allerdings gab es auch gute Augenblicke. Einige Leute bedankten sich, einer kam sogar mit einem Blumenstraus vorbei, Heiratsanträge wurden gemacht und der Chef, der alte Hase, sprach Mut zu. Das ist alles schon sechs Monate her. Heute hat jede ihre eigene Kaffee-Maschine im Kofferraum und dreimal die Woche steht jede woanders und völlig allein irgendwo in Zürich.
"Das macht jetzt richtig Spaß," doziert Denise, die wieder völlig gesund ist und vor Kraft nur so sprühte. "In manchen Gegenden sind die Leute schlecht drauf und wir verkaufen sehr wenig. Das berührt uns heute nicht mehr. Es hat nichts mit uns zu tun, wir sind immer nett und nutzen die Zeit, um die Leute zu studieren." "An anderen Stellen," kommentiert Ladina, "verkaufen wir wie die Wilden und nehmen tausend Franken und mehr ein. Aber es sind überall die gleichen Produkte, Kaffee und Gebäck. Total komisch."
Beide sind Profis im Verkauf geworden, beide haben, fast aus einer Notsituation heraus ein Talent bei sich entdeckt, was sie niemals vermutet hätten. Das ist etwas ganz Normales. Wir alle haben Talente in uns, die wir erst erkennen, wenn wir uns auf einen Versuch einlassen. Das ist das Gute an den Scheuklappen die wir alle tragen, sie sind in Reichweite und wir können sie selbst aufbiegen. Oder wie es Denise sagte: "Man weiß es eben nicht, wenn man es nicht weiß." Denise und Ladina waren auf alle Fälle wieder gut drauf. "Und was macht die Kunst?" war meine nächste Frage. "Die sitzt im Wartezimmer und wartet auf den nächsten Zug," sagte Denise verschmitzt und freute sich über meine Neugierde.
"Das Ticket haben wir schon," erklärte Ladina. "Nachdem wir uns in Barcelona und Valencia umgesehen hatten, haben wir uns für London entschieden. Dort machen wir ein Atelier auf, aber dieses Mal für Innenarchitektur und Kleidung. Ein Teil unserer Räumlichkeiten wird als Tea Room reserviert, wo wir selbst hergestelltes Gebäck anbieten werden. Das schafft Kontakte und macht Spaß."
Ein toller Plan. Künstlerinnen waren sie und sind sie geblieben. Aber jetzt haben sie auch ihre Verkaufstalente entdeckt, das macht sie noch stärker. Beide haben ihre Träume und ihre Freiheit nie verraten. Als Esoterikerinnen glauben sie daran, dass alles seine Zeit hat und machen ganz automatisch das, was vor 2.500 Jahren schon Sophokles sagte:
Wer Großes vor hat, lässt sich gern Zeit.
Bis bald Carl
|
Gabi wollte Tänzerin werden | Sokrates, der Schlaumeier
|
|