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LERNEN, WAS DER MARKT VERLANGT?
 

Obwohl es millionenfach praktiziert wird, ist es falsch: Wir sollten lernen, wofür wir Interessen und Talente haben und uns nicht nach dem Markt verbiegen, denn der kann sich Morgen schon ändern.

Neulich sagte mir eine Abiturientin, dass sie Ingenieurin werden wolle. Das hat mich gefreut, denn viel zu viele Frauen lehnen die Ingenieurwissenschaft ab, bevor sie sich überhaupt richtig damit beschäftigt haben. Aber dann sagte die junge Dame, dass sie Bauingenieurin werden wolle, weil dort bessere Berufsaussichten bestünden als bei den Architekten - dem Beruf, den sie am liebsten studiert hätte.

Da man sich weder für Geld noch für mögliche spätere Anstellungen verkrümmen sollte, stand ich dieser Studienwahl sofort sehr skeptisch gegenüber. Aber Goethe hat mich dann doch eines Besseren belehrt: „Ungefähr richtig ist besser als total falsch“, meinte er, und das hatte diese Abiturientin befolgt. Bauingenieure und Architekten arbeiten eng zusammen, der große Architekt Gropius sagte sogar, dass ein guter Architekt ein Ingenieur, ein Künstler und ein Kaufmann sein müsse.

Die angehende Studentin fängt also erst einmal mit der Ingenieurseite des Bauwesens an. In den Vorlesungen und Übungen wird sie sehr bald sehen, ob ihr mehr die Mathematik oder das freie Gestalten liegt. Sollte sie doch mehr zum Künstlerischen neigen, ist das kein Problem. Nach drei Jahren hat sie ihren Bauingenieur in der Tasche und kann ihren Master in Architektur draufsetzen. Wenn sie dann noch ein MBA-Studium anhängt erfüllt sie alle Voraussetzungen, um beim Entwurf, auf der Baustelle und in der Bank zu triumphieren.

Wir sollten uns zwar nicht für den Markt verbiegen, aber dennoch bei unserer Studien- und Berufswahl flexibel sein. Wenn wir aus irgendwelchen Gründen unseren Traumberuf nicht lernen können, dann gibt es unter den mehr als 9.000 zur Verfügung stehenden Studiengängen und zirka 360 Lehrberufen hundertprozentig einen, der sehr nah an unseren Traumberuf herankommt. Den sollten wir wählen, denn die Feineinstellungen können wir später immer noch vornehmen.

Also bei der Studien- & Berufswahl auch an Goethe denken: „Ungefähr richtig ist besser als total falsch.“


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