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Damals……vor 10 Jahren - ging ich noch in die Realschule, weil ich es musste. Aber sehr erfolgreich bin ich dort leider nie gewesen.

Einer der wenigen Menschen, die noch merkten dass da doch was in mir steckt, war mein Direktor. Zu ihm ging ich immer am Freitag-Nachmittag zum differenzierten Sport-Unterricht. Im Sommer Leichtathletik, im Winter Geräteturnen.
Er sah das positive in uns Schülern: „Der wird schon noch….werden’s schon noch sehen.“
Wahrscheinlich hat mir das die Mittlere Reife gerettet.
Hut ab, Herr Hann!
Aber als ich das alles erst mal hinter mir hatte, stand ich da:
„So. Was jetzt?“ – Ich hatte keinen blassen Schimmer.
Mein Vater meinte: „Mach doch eine Kaufmannslehre. Das ist ein Beruf mit Zukunft und du hast gute Aufstiegschancen. Und im Freien bei Wind und Wetter musst du auch nicht arbeiten.“
Das leuchtete mir ein.

Nach etlichen Bewerbungen habe ich tatsächlich einen Betrieb gefunden, der sich dazu bereit erklärte, mich auszubilden.
Als ich dort an meinem ersten Tag anfing, erwarteten mich die neuen Kollegen gleich mit einer riesigen Schublade, voll gestopft bis oben hin mit Zetteln und Papier-Kram.
„Das musst du jetzt einsortieren. Da drüben.“ sagte mein Ausbilder, und zeigte auf einen riesigen Wandschrank mit Ordnern.
Glücklich wurde ich dabei nicht, nicht mal ein ‚Erfolgsgefühl’ stellte sich ein.
Ich stellte eher fest, wie ich von Monat zu Monat kribbeliger und unausgeglichener wurde, bis ich meinen Ausbilder mal fragte, wann ich denn hier endlich was lerne…..
Genau nach einem Jahr habe ich die Lehre abgebrochen - und ich war froh.
So froh wie schon lange nicht mehr!

Nun stand ich zwar wieder da, wie damals nach der Realschule. Aber etwas hatte ich doch erkannt:
Ein reiner Büro-Job ist nichts für mich!
Ich ging also zum Arbeitsamt. Dort wusste man auch nicht so recht was mit mir anzufangen, aber man brachte mich in einer Berufs-Förderungs-Maßnahme unter. Interessant war für mich, hier auch gute Schüler zu finden, die aber in genau der gleichen Situation waren wie ich.
Aber der Riesen-Vorteil war: Man konnte verschiedene Praktika machen, in Berufe reinschnuppern, mal schauen, wie’s dort läuft. Ganz unverbindlich für ein paar Wochen. Wenn das nichts war, sucht man sich was Neues!
Super war das! (Und versichert ist man auch.)
Ich habe Berufe ausprobiert, die ich niemals als Ausbildung in Erwägung gezogen hätte, wo ich aber einfach mal hinter die Kulissen schauen wollte.

Das war wohl der Wendepunkt in meinem Leben:
Ich organisierte dabei auch ein Praktikum in einer Bäckerei, erwischte sogar einen kleinen Familienbetrieb. Es war gerade Vorweihnachtszeit und den ganzen Tag roch es fein und es war schön warm. Ich konnte auch gleich richtig mitarbeiten und sah: „Ah – hier passiert was!“, und war begeistert. Zum ersten mal fühlte ich mich wohl!
Wenn ich dann zum Frühstück in den Laden ging und all die frischen Waren sah, schlug mein Herz höher. Denn ein Teil dieser Arbeit war von mir!
Das faszinierendste für mich aber war die Zusammenarbeit aller Kollegen - vom Meister, den Gesellen, den Lehrlingen, und den Verkäuferinnen im Laden: Jeder wurde gebraucht und jeder war wichtig !!
Und am Freitag, dem Putz-Tag, sah ich sogar den Meister selber mit dem Putzlumpen herumrennen und seinen Ofen polieren.
„Hier sind ganz normale Menschen am Start! Und es funktioniert!“ dachte ich mir.
Mein Praktikum endete im Prinzip dann damit, dass ich dort direkt als Lehrling übernommen wurde. Nach der Lehre arbeitete ich ein bisschen in der Schweiz und in Deutschland weiter, und fing dann nach 3 Jahren mit dem Meisterkurs an. Dadurch öffneten sich mir neue Wege.

Ich beschloss aber, erst mal zur Belohnung für ein paar Monate nach Neuseeland zu gehen und mein Englisch auf Vordermann zu bringen.
Dies war eine der Besten Entscheidungen in meinem Leben. Dort wurde mir irgendwie klar, dass ich noch mehr lernen will, und kann!
Obwohl ich keine Fachhochschulreife habe, wurde ich aufgrund der Meisterprüfung zum Studium für Lebensmitteltechnologie an der Fachhochschule in Lemgo zugelassen.
Dort gibt es den Studiengang mit dem Schwerpunkt Back- und Süßwaren.
Genau was für mich!
Nicht ganz so einfach war zwar dann der Einstieg, da die Professoren davon ausgehen, dass man schon einige Vorkenntnisse hat. Deshalb nehme ich zunächst noch Nachhilfe für Mathe, um den Nachteil gegenüber den Abiturienten auszugleichen. Aber ich bin optimistisch. So langsam bekomme ich den Überblick.
Mein Vorteil wird später kommen……wenn’s dann mal ans Backen geht!
Ich sitze inzwischen im Hörsaal, aber ich erinnere mich an meinen Berufschullehrer.
Er hat uns damals gesagt: „Auch wenn ihr später mal was anderes macht – in eurem Herzen werdet ihr immer Bäcker bleiben!“
Ich werde das nie vergessen – denn er hat recht gehabt!
Mein Leben bisher war voller Umwege. Aber jeder davon war auch irgendwie notwendig, um dahin zu kommen, wo ich jetzt bin.
Hätt’ ich auch nie gedacht!

Euer
John, the baker




Tourismus Assistentin | Lehrer